„Wir müssen Ihnen leider eine Absage erteilen - bitte nehmen Sie es nicht persönlich“, „Wir haben uns für einen Mitbewerber entschieden - bitte nehmen Sie es nicht persönlich - dieser verfügt einfach über mehr Erfahrung“ - typische Sätze wie diese aus Bewerbungssituationen kennen wir alle aus ganz unterschiedlichen Kontexten, seien es nun berufliche oder private. Dass unser Gesprächspartner Ablehnung jeglicher Form persönlich nehmen könnte, scheint uns ein Graus. Warum eigentlich?
„Meine Kollegin ist so langsam, also verzögert sich die Abgabe der Präsentation“, „mein Chef hat immer schlechte Laune, deswegen bin ich so unmotiviert“, „meine Teamkollegen sind immer so unfreundlich - die treiben mich regelrecht in die Arme von Headhuntern“. Schon klar! Schuld haben grundsätzlich die anderen!
Jetzt also wieder „Mobbing“ - das war mein erster Gedanke beim Anblick des Titels der Zeitschrift Der Spiegel vom 16. April 2012. Und im Grunde war es ja auch nur eine Frage der Zeit, bis dieses Thema es wieder auf eine Titelseite schafft. Verwundert war ich nicht, eher bestätigt, hatte ich es doch erwartet.
Es schreibt für Sie: Julia Kreuteler
Die Veröffentlichung von Unternehmensphilosophien und Wertekodizes hat mit der zunehmenden Medialisierung der Wirtschaft seit den 1990ern einen immensen Aufschwung erfahren. Kaum ein Geschäftsprofil kommt heute ohne sie aus. In der Öffentlichkeit werden sie jedoch häufig nur als Lippenbekenntnisse wahrgenommen. Allein deswegen auf ihre Kommunikation zu verzichten, würde die Werte jedoch um einen erheblichen Teil ihres Potenzials berauben.
Die Kommunikation der Ethik schafft Transparenz
Wer sich bewusst tugendhaft beziehungsweise werteorientiert verhält, kennt die Grenzen dieses Verhaltens und möglicherweise auch die Sanktionen, die sich aus einer Grenzverletzung ergeben. Schon allein in dieser Hinsicht sind Werte von der Kommunikation abhängig - im ganz simplen Sinn der Formulierung von Geboten und Verboten. Des Weiteren bleibt Unternehmen nur die direkte Kommunikation, um in Kontakt zu ihren Zielgruppen in der Öffentlichkeit zu treten und eine Beziehung aufzubauen, die für die Übermittlung jeder Art von Botschaften grundlegende Bedeutung hat. Nicht zuletzt legen Unternehmen durch die Kommunikation ihrer Ethik einen Teil ihrer ansonsten weitgehend abstrakten Persönlichkeit offen, was ein Kennenlernen und in Folge (wünschenswert positives) Einschätzen ermöglicht.
Ein operationalisierter Wertekanon gibt Orientierung
Einige Unternehmen verwenden die Veröffentlichung ihrer Werte, um sich gegen Angriffe von außen zu wehren oder einem Reputationsverlust vorzubeugen. In diesem Fall entlarvt die Sprache eher, als dass sie aufklärt. Denn hier stehen zwangsläufig Einzelaspekte im Vordergrund, denen die Einbindung in ein ethisches Grundgefüge fehlt. Um Stakeholdern innerhalb und außerhalb des Unternehmens als Orientierung dienen zu können, ist an Wertekodizes der Anspruch einer konsistenten, in sich geschlossenen Verhaltensausrichtung gestellt.
Das Abbild werteorientierten Verhaltens hat Vorbildfunktion
Die Kommunikation von Werten übernimmt außerdem die Funktion, Vorbilder zu schaffen, darüber Halt und Orientierung zu ermöglich und nicht zuletzt zur Nachahmung zu ermuntern. Die Symboldidaktik erklärt, dass die Wunschbilder, die in diesem Zusammenhang gezeichnet werden, das Sichtbare mit einer unsichtbaren, tieferen Wirklichkeit verbinden. Erst diese Bilder bzw. deren sprachliche Skizze zeigen Dimensionen auf, die für viele andere unerklärlich und nicht in Worte zu fassen sind.
Die Risiken sind kalkulierbar
Die Publikation von Unternehmensethik und Wertekodex birgt Risiken, denn hier werden Wunschvorstellungen und Idealzustände formuliert. Weichen diesen zu stark vom Sichtbaren oder Erlebbaren ab oder stehen sie womöglich in Widerspruch dazu, schwindet die Glaubwürdigkeit auf das Niveau eines Lippenbekenntnisses oder gar einer Täuschung. Die Kommunikation sollte also weder zu diffus-abstrakt noch zu werblich sein. Der Einsatz von Superlativen ist hier ebenso fehl am Platz wie eine Politur auf Hochglanz, wenngleich der Akt, das eigene Leitbild zu verkünden, für viele Unternehmen ein sehr feierlicher sein mag.
Erst durch Wörter entfalten Werte ihr volles Potenzial
Verglichen mit diesen Risiken, birgt die Kommunikation der Unternehmensethik ein ungleich höheres Potenzial. Nicht zuletzt erheben die verschiedenen Stakeholdergruppen heute regelrecht Anspruch darauf. Die Werte, die beispielsweise Führungskräften im Privaten wichtig sind, haben längst Einzug in ihre unternehmerische Führungspraxis gehalten. Zu Recht erwarten sie, dass sich dieser Aspekt auch im Außenbild ihres Unternehmens widerspiegelt.
Übrigens: Schuppener Kommunikation wird diesen Internetauftritt in Kürze um eine eigene "Werte"-Rubrik erweitern. Trotz aller Selbstverständlichkeit, die damit verbunden ist, sehen wir es wie die deutsche Wertekommission als erforderlich an, Werteorientierung als einen Prozess zu verstehen, dessen Entwicklung fortwährend kommuniziert und diskutiert werden sollte, damit er vital und realitätsnah bleibt.