„Wir müssen Ihnen leider eine Absage erteilen - bitte nehmen Sie es nicht persönlich“, „Wir haben uns für einen Mitbewerber entschieden - bitte nehmen Sie es nicht persönlich - dieser verfügt einfach über mehr Erfahrung“ - typische Sätze wie diese aus Bewerbungssituationen kennen wir alle aus ganz unterschiedlichen Kontexten, seien es nun berufliche oder private. Dass unser Gesprächspartner Ablehnung jeglicher Form persönlich nehmen könnte, scheint uns ein Graus. Warum eigentlich?
„Meine Kollegin ist so langsam, also verzögert sich die Abgabe der Präsentation“, „mein Chef hat immer schlechte Laune, deswegen bin ich so unmotiviert“, „meine Teamkollegen sind immer so unfreundlich - die treiben mich regelrecht in die Arme von Headhuntern“. Schon klar! Schuld haben grundsätzlich die anderen!
Jetzt also wieder „Mobbing“ - das war mein erster Gedanke beim Anblick des Titels der Zeitschrift Der Spiegel vom 16. April 2012. Und im Grunde war es ja auch nur eine Frage der Zeit, bis dieses Thema es wieder auf eine Titelseite schafft. Verwundert war ich nicht, eher bestätigt, hatte ich es doch erwartet.
Es schreibt für Sie: Julia Kreuteler
Ein Faible für klassische Musik zu haben, kann jedem Lebenslauf nur Gutes tun. Und wer die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan vom New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta unterscheiden kann, hat es zweifelsohne unter die Kenner der schönen Künste geschafft. Dirigenten genießen ein herausragendes Maß an Bewunderung. Wer hätte gedacht, dass diese Lichtgestalten eines Tages ihre Welt verlassen, den großen Orchestergraben überwinden und als Management-Coachs in unsere Welt eintreten könnten? Christian Gansch hat es 2006 getan, Justus Frantz 2007. Beide schrieben Bestseller und können sich heute vor den Anfragen als Berater, Moderator oder Key-Note-Speaker für Wirtschaft und Politik kaum noch retten. Ästhetische Prinzipien und darunter besonders die musikalischen Tugenden haben Hochkonjunktur.
Leidenschaft als Triebfeder
Das mag zunächst damit zu tun haben, dass der Funkenflug der schönen Künste viel leichter ein Feuer der Leidenschaft in uns entzünden kann als jedes noch so strahlende Wertmaximierungstheorem. Und an Leidenschaft fehlt es uns dieser Tage schmerzlich. Die Krisenzeiten samt ihrer unappetitlichen Management-Skandale haben uns in einen bedrohlichen Bann geschlagen. Wir wissen zwar, dass wir etwas tun müssen. Aber wir wissen nicht mehr so recht was. Uns fehlt es an Vision, Ziel und zuweilen sogar der richtigen Richtung. In solch einem sinnarmen Szenario ist es unglaublich mühsam, Dynamik oder Motivation zu entwickeln. Die klassische Musik vermag jedoch schon seit Jahrhunderten, Gefühle zu mobilisieren, und so liegt es nahe, diese auch heute wieder zu nutzen, um "etwas in Gang zu setzen".
Charismatischer Lehrstoff
Doch so sehr sie uns auch in Wallung versetzt, verändert eine am Abend genossene Sinfonie natürlich noch keinen darauf folgenden Management-Alltag. Erst wenn uns ein Fachmann das schöne Ganze in seine Einzelteile und deren Wechselwirkungen untereinander zerlegt, begreifen wir, was alles nötig ist - und erkennen, dass wir davon durchaus auch etwas für das eigene Verhalten übernehmen können. Der überwältigende Erfolg dieses Konzepts liegt also vornehmlich im Charisma des Lehrenden in Kombination mit der ästhetischen Materie, die wir hier lernend erkunden dürfen.
Kunstgriff für die deutsche Führungskultur
Die Forderung nach musikalischen Tugenden wie Harmonie, Zusammenspiel, Disziplin oder auch Demut sollte sich doch vor diesem Hintergrund längst in der internationalen Management-Lehre etabliert haben. Stattdessen sind Dirigenten als Kultur-Coaches ein vornehmlich deutsches Phänomen. Das könnte daran liegen, dass sich in unserem Land die Erkenntnis über die Bedeutung und erforderliche Qualität von Führung aus naheliegenden historischen Gründen viel langsamer entwickelt. Anstelle des Worts "Führung" greifen wir ja auch viel lieber auf den Anglizismus "Leadership" zurück. Diese Scheu zugrunde gelegt, stellen Weg weisende Dirigenten einen nahezu einmaligen Glücksfall für die werteorientierte Unternehmensführung dar. Denn ihr Ruf ist ebenso untadelig wie die Sache, für die sie stehen.
Nun haben sich Orchester-Chefs nicht gerade durch effizientes Wirtschaften hervorgetan - die Kunst hat eben ihren Preis. Und selbstredend kann es bei der Skizze von Management-Verhalten in musikalischen Termini zu fachlichen wie metaphorischen Entfremdungen, zu Ungenauigkeiten und Unstimmigkeiten kommen. Aber diese Tugenden und ästhetischen Prinzipien üben ohne Frage einen großen Reiz aus und vermögen schon allein dadurch die Akzeptanz von Werten im Markt zu fördern.