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„Ein Mann ist stark, wenn er sich seine Schwäche eingesteht“ schrieb der französische Schriftsteller Honoré de Balzac im 19. Jahrhundert. Dass dieses Bewusstsein noch lange nicht in den Köpfen von Top-Managern angelangt ist, zeigt der Coaching-Alltag.
So komplex die Vorgänge in einer Krise sind, so einfach und transparent ist das Vokabular dazu: Hebel, Schnitt und Schirm sollen Übersichtlichkeit schaffen.
Es schreibt für Sie: Nina Schuppener
Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der in vielen Unternehmen ein raues Betriebsklima herrscht. Nicht wenige Klienten von mir beschreiben die Unternehmen, in denen sie tätig sind, als Haifischbecken, in denen ein überlegenes, forsches und furchtloses Verhalten ansteht. Das ist solange kein Problem, wie man im Strom mitschwimmen kann. Ist jedoch das Gegenteil der Fall und die Furchtlosigkeit nur aufgesetzt, kann es zu Konflikten kommen. Was tun, wenn man entdeckt wird? Wenn die Maske fällt und der Mensch hinter der Maske sichtbar wird? Wenn alle sehen, dass dieser Mensch, ganz gleich welchen Status er innerhalb eines Unternehmens inne hat, eben auch Ängste hat - wie viele andere ebenfalls?
Angst macht vor Status nicht halt
Das Thema Angst, insbesondere Angst vor dem Versagen, Angst vor dem, was Mitarbeiter von einem denken könnten, wenn man mal nicht so "funktioniert", also so leistungsfähig ist, wie Andere es von einem gewohnt sind, kommt in meinen Coachings immer wieder zur Sprache. Und ganz häufig handelt es sich bei diesen Klienten um Menschen, denen man - begegneten wir ihnen an ihrem Arbeitsplatz - ihre Angst nicht anmerken würde: Führungskräfte auf Top-Management-Ebene, die jeden Tag alles geben, Höchstleistungen bringen und eine große Souveränität ausstrahlen. Kurz: Menschen, deren Maske so perfekt ist, dass wir ihnen ihre Angst nicht anmerken.
Der Mensch hinter der Maske
Sicher, so zu tun, als ob man keine Angst hat, kann ein Weg sein, mit der Angst umzugehen. Und vielleicht ist dieser zunächst sogar erfolgreich, denn dann merkt einem zumindest keiner die Angst an. Aber es ist ein beschwerlicher Weg; wer immer wieder vorgibt, jemand zu sein, der er gar nicht ist, und sein Inneres mit allem, was dazu gehört, leugnet - und Angst ist eben auch ein Teil davon -, der verleugnet sich in gewisser Weise selbst. Wer immer wieder vorgibt, stets stark zu sein, anstatt auch mal schwach, ist nicht stark. Zur Schau gestellte Stärke ist eine Schein-Stärke. Zur Schau gestellte Furchtlosigkeit eine Schein-Furchtlosigkeit.
Sinnvolle Schritte im Umgang mit der Angst
Ein erster Schritt im Umgang mit der Angst ist, sowohl ihre individuellen Ursachen, also Angstauslöser, als auch typische Symptome zu erkennen und zu verstehen. Dabei kann ein Coaching unterstützend helfen.
Ursachen versus Symptome
Erfahrungsgemäß - das haben viele Coachings von mir gezeigt - stellt sich die Bearbeitung der eigentlichen Auslöser von Angst dabei zunächst als weniger erfolgversprechend heraus, als die Arbeit an den Symptomen, die die Angst letzten Endes aufrecht erhalten.
Beispiel: Vermeidungsverhalten
Nehmen wir als Beispiel das für Angst ganz typische Symptom des Vermeidungsverhaltens. Das heißt, Betroffene entwickeln Abwehrmechanismen, um nicht in Situationen zu geraten, die angstauslösend sind. Das mag kurzfristig hilfreich sein, denn Vermeidung bedeutet dann in erster Linie Schutz vor der beängstigenden Situation. Langfristig aber ist es keine Lösung des Problems, denn die Kehrseite des Vermeidungsverhaltens ist, dass der eigene Wirkungsbereich eingeschränkter und die Angst gleichzeitig größer wird. Vermeidungsverhalten löst Angst also nicht, sondern verstärkt sie auf Dauer.
Denken wir an Berufe, in denen die Angst Bereiche betrifft, die unmittelbar zum Berufsbild gehören, so wie zum Beispiel das Sprechen vor größeren Gruppen immer auch zur Aufgabe eines Vorstands gehört, so wird schnell deutlich, dass hier langfristig - will man in seinem Beruf reüssieren - gar keine andere Wahl hat, als sich der Angst zu stellen. Vermeidungsverhalten funktioniert hier nicht: Meetings, Pressekonferenzen, Präsentationen u.ä. sind in einem solchen Beruf nicht vermeidbar.
Akzeptieren, Angst zu haben
Ein zweiter möglicher Schritt im Umgang mit der Angst kann sein, sie als einen Teil, der typisch für uns ist, der zu uns gehört, zu akzeptieren: "Würden wir uns der Angst mehr stellen, dann bekämen wir mehr Zugang zu dem, was verändert werden muss, aber auch zu dem, was uns Halt gibt." (Kast 2011, Buch-Rückseite).
Angst hat auch eine positive Seite
Angst ist also nicht nur das hässliche Etwas, das uns alle ab und an beschleicht und uns bisweilen die Luft abschnürt. Insofern kann ein möglicher dritter Schritt im Umgang mit der Angst sein, sie als Wegweiser anzuerkennen , der uns aufzeigt, was unter Umständen nicht gut für uns ist, wo wir zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden können und sollten. So gesehen können sich durch die Angst sogar ganz neue Wege, neue Lebenskonzepte, ergeben: "Die Angst bringt uns letztlich dazu, das für uns Wertvolle zu erkennen, es zu retten oder neue Werte in das Zentrum unserer Werteskala und unseres Wertstrebens zu setzen. Viele Menschen erkennen erst angesichts der Angst, was ihnen wertvoll ist." (Kast 2011, S. 31)
Der Angst ins Gesicht sehen
Schauen wir der Angst also ins Gesicht, anstatt sie zu verdrängen, lernen wir damit auch "uns ganzheitlicher zu sehen, mit helleren und dunkleren Seiten. Können wir uns auch in den Seiten akzeptieren, die uns weniger gefallen, so sind wir nicht mehr in der Gefahr, ängstlich vermeiden zu müssen, dass diese Seiten sichtbar werden" (Kast 2011, S. 35).
Das sind nur einige Gründe von vielen, die die Angst vielleicht nicht zu unserem besten Freund machen müssen; aber einen Platz als nicht nur bedrohlicher, sondern auch wertvoller Begleiter hat sie zweifellos verdient.
Literatur
Dehner-Rau, Cornelia; Dehner, Harald (2007): Ängste verstehen und hinter sich lassen. Stuttgart (Trias).
Kast, Verena (2011): Vom Sinn der Angst. Freiburg, Basel, Wien (Herder).