„Wir müssen Ihnen leider eine Absage erteilen - bitte nehmen Sie es nicht persönlich“, „Wir haben uns für einen Mitbewerber entschieden - bitte nehmen Sie es nicht persönlich - dieser verfügt einfach über mehr Erfahrung“ - typische Sätze wie diese aus Bewerbungssituationen kennen wir alle aus ganz unterschiedlichen Kontexten, seien es nun berufliche oder private. Dass unser Gesprächspartner Ablehnung jeglicher Form persönlich nehmen könnte, scheint uns ein Graus. Warum eigentlich?
„Meine Kollegin ist so langsam, also verzögert sich die Abgabe der Präsentation“, „mein Chef hat immer schlechte Laune, deswegen bin ich so unmotiviert“, „meine Teamkollegen sind immer so unfreundlich - die treiben mich regelrecht in die Arme von Headhuntern“. Schon klar! Schuld haben grundsätzlich die anderen!
Jetzt also wieder „Mobbing“ - das war mein erster Gedanke beim Anblick des Titels der Zeitschrift Der Spiegel vom 16. April 2012. Und im Grunde war es ja auch nur eine Frage der Zeit, bis dieses Thema es wieder auf eine Titelseite schafft. Verwundert war ich nicht, eher bestätigt, hatte ich es doch erwartet.
Es schreibt für Sie: Julia Kreuteler
Merger sind in der Regel von verhaltener Kommunikation gekennzeichnet. Zu sensibel ist der Deal, um ihn womöglich durch unbedachte Äußerungen zu gefährden. Zu wichtig ist das strategische Ziel, um es im Vorfeld operativ zu zerreden. Doch ist es genau diese Zurückhaltung, in der das vermutlich größte Risiko einer Unternehmenszusammenführung liegt. Denn nur durch intensive Kommunikation kann es gelingen, die Mitarbeiter mit auf die Reise zu nehmen und auch weiterhin zu Höchstleistungen zu motivieren.
Wer sich bewegt, kann viel verlieren
Jede Veränderung löst Ängste aus. Auch wenn das Arbeitsleben heute längst seine Beständigkeit "von der Pieke bis zur Bahre" verloren hat und Reorganisationen schon fast zum Alltag gehören, ist der Mensch tief in sich drin noch immer ein Gewohnheitstier. Er hätte es - im Guten wie im Bösen - gern absehbar und stellt sich nur ungern auf etwas Neues ein. Change Agents kennen dieses Phänomen nur allzu gut. Unbeständigkeit löst Stress aus. Immer mehr Mitarbeiter erkranken darüber an Burn-out. Oder sie wandern ab, denn wenn sie sich schon verändern müssen, warum dann nicht gleich das Glück woanders suchen?
Der Veränderung einen Sinn geben
Die Sorge um den Arbeitsplatz, das gewohnte Maß an Vergütung oder auch die vertraute Führung durch den Vorgesetzten machen ein Großteil der Verunsicherung aus, die die Mitarbeiter im Verlauf eines Mergers bis zur Angststarre treiben kann. Sie in solch ungeordneten Verhältnissen dazu zu motivieren, sich an den Aufgaben zu beteiligen, die mit der Reorganisation einhergehen, kann nur auf einem Weg gelingen: intensive, persönliche Kommunikation mit dem Ziel, jedem Einzelnen einen Sinn aufzuzeigen, für den sich das Engagement lohnt.
Vom "das Unternehmen will" zum "ich will"
Zwei Unternehmen zusammenzuführen, heißt auch, zwei Kulturen miteinander zu vereinen, die unabhängig voneinander entstanden und gewachsen sind. Sie waren bislang die Grundlage für je eine Strategie. Aus ihnen will nun ein tragfähiges Fundament für neue, gemeinsame Unternehmensziele geschaffen werden. Dieser kreative Prozess bedeutet intensive Arbeit für alle: die Führungskräfte, von denen besonders jetzt schnelle, beständige Entscheidungen und Vorbildfunktion gefordert sind. Und ebenso für die Mitarbeiter, die den neuen Plänen zu Tragfähigkeit verhelfen müssen, indem sie für sich aus der unternehmerischen Zielsetzung eine persönliche ableiten. Die Chancen dafür sind gegeben, denn jede Veränderung setzt Energien frei. Die Kunst besteht allein darin, sie in konstruktive Bahnen zu lenken.