„Wir müssen Ihnen leider eine Absage erteilen - bitte nehmen Sie es nicht persönlich“, „Wir haben uns für einen Mitbewerber entschieden - bitte nehmen Sie es nicht persönlich - dieser verfügt einfach über mehr Erfahrung“ - typische Sätze wie diese aus Bewerbungssituationen kennen wir alle aus ganz unterschiedlichen Kontexten, seien es nun berufliche oder private. Dass unser Gesprächspartner Ablehnung jeglicher Form persönlich nehmen könnte, scheint uns ein Graus. Warum eigentlich?
„Meine Kollegin ist so langsam, also verzögert sich die Abgabe der Präsentation“, „mein Chef hat immer schlechte Laune, deswegen bin ich so unmotiviert“, „meine Teamkollegen sind immer so unfreundlich - die treiben mich regelrecht in die Arme von Headhuntern“. Schon klar! Schuld haben grundsätzlich die anderen!
Jetzt also wieder „Mobbing“ - das war mein erster Gedanke beim Anblick des Titels der Zeitschrift Der Spiegel vom 16. April 2012. Und im Grunde war es ja auch nur eine Frage der Zeit, bis dieses Thema es wieder auf eine Titelseite schafft. Verwundert war ich nicht, eher bestätigt, hatte ich es doch erwartet.
Es schreibt für Sie: Julia Kreuteler
Wie Totschlagargumente und Killerphrasen beweisen, kann Sprache etwas recht Grausames sein. Man sollte meinen, in zivilisierten Zeiten wie unseren wäre längst ein Instrumentarium entwickelt worden, um diese Art Wortgewaltmissbrauch mit angemessener Strenge regulieren zu können. Doch weit gefehlt: Die Sprachhoheit und ihre Hüter setzen auf sanfte Pädagogik. Wie Blumenkinder halten sie statt des Schwerts einen Strauß Stilblüten in der Hand. So verzeichnet der Duden das Phrasenschwein, Ergebnis einer freiwilligen Initiative genervter Bürogemeinschaften, die mit der Chauvi-Kasse groß geworden sind. Im Internet boomt der BlaBlaMeter, ein Mittel zur Selbsthilfe für reuige Wortblasensüchtige und einsichtige Gemeinplatzanweiser. Und vermehrt kann man dieser Tage auch wieder den emsigen Wortklauber auf seiner Suche nach dem Unwort des Jahres im heimischen Blätterwald beobachten.
Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass sich der Kabarettist Dieter Hildebrand in seinem aktuellen Bühnenprogramm "Ich kann doch auch nichts dafür" für eine weitaus drakonischere Bestrafung einsetzt. Er fordert "ein Phrasen-Flensburg: Wer 18 Punkte hat, muss eine Woche schweigen." Vorsicht auf der Tonspur, kann man da nur anraten. Nichts bleibt unbeobachtet, keine Phrase unbemerkt.
Wollte man zu härteren Maßnahmen gegen diese Art von Missetat greifen, müsste man im Sinne einer fairen Sprachgerichtsbarkeit die Intention des Beschuldigten beleuchten: Handelte er vorsätzlich oder fahrlässig? Wollte er bewusst eine Diskussion im Keim ersticken, einen Gesprächspartner mundtot machen oder womöglich Zeit totschlagen? Denn der Tatbestand der gedroschenen Phrase allein, per Definition eine wohltönende, wenngleich nichtssagende Rede, verstößt noch nicht gegen gültige Rechtsprechung - oder besser gesagt: Rechtschreibung.
An dieser Stelle geraten nun die Einhandsegler der Kommunikationsbranche, die allein mit dem Axiom "Man kann nicht nicht kommunizieren" herum manövrieren, in arge argumentative Bedrängnis. Denn der Begründer dieses Zitats, Paul Watzlawick, war ein Verhaltensforscher, kein Kommunikationswissenschaftler. Verkürzt ausgedrückt, interessierte ihn lediglich, dass das Gesagte eine Auswirkung hat. Das Innere des Menschen ist für seine Betrachtungen irrelevant; es wird als Black-Box dargestellt. Ausschlaggebend für Watzlawick war, welcher Reiz auf diese "Box Mensch" welche Reaktion hervorruft. Fragen der Intentionalität werden dabei nicht berücksichtigt. Ebenso kann nach diesem Modell nicht zwischen absichtsvollem Handeln und absichtslosem Verhalten unterschieden werden.
Wer also zielgruppengerechte Unternehmenskommunikation, wirkungsvoll ausgestaltete Botschaften oder erfolgreiche Kundenkommunikation als seine Leistung bewerben möchte, täte gut daran, sich nicht ausgerechnet diesen Lehrsatz des Behaviorismus' zum Aushängeschild zu machen. Denn sonst gilt auch hier: Wer Phrasen drischt, wird nichts als Worthülsen einfahren.