„Wir müssen Ihnen leider eine Absage erteilen - bitte nehmen Sie es nicht persönlich“, „Wir haben uns für einen Mitbewerber entschieden - bitte nehmen Sie es nicht persönlich - dieser verfügt einfach über mehr Erfahrung“ - typische Sätze wie diese aus Bewerbungssituationen kennen wir alle aus ganz unterschiedlichen Kontexten, seien es nun berufliche oder private. Dass unser Gesprächspartner Ablehnung jeglicher Form persönlich nehmen könnte, scheint uns ein Graus. Warum eigentlich?
„Meine Kollegin ist so langsam, also verzögert sich die Abgabe der Präsentation“, „mein Chef hat immer schlechte Laune, deswegen bin ich so unmotiviert“, „meine Teamkollegen sind immer so unfreundlich - die treiben mich regelrecht in die Arme von Headhuntern“. Schon klar! Schuld haben grundsätzlich die anderen!
Jetzt also wieder „Mobbing“ - das war mein erster Gedanke beim Anblick des Titels der Zeitschrift Der Spiegel vom 16. April 2012. Und im Grunde war es ja auch nur eine Frage der Zeit, bis dieses Thema es wieder auf eine Titelseite schafft. Verwundert war ich nicht, eher bestätigt, hatte ich es doch erwartet.
Es schreibt für Sie: Holger Danowsky
In der Praxis wird oft entschuldigend behauptet, Ethik und Business schlössen sich aus. Einerseits ideale Rahmenbedingungen für die Produktivität der Mitarbeiter schaffen und andererseits die Mitarbeiter wie auch sich selbst als Kostenfaktor kalkulieren zu müssen, sehen viele Manager als nicht gelungen miteinander vereinbar an. So erteilen sie sich selbst eine Art Absolution zu handeln, wie immer es ihnen im Bezug auf eine wirtschaftliche Lösung als sinnvoll erscheint.
Das Felix-Krull-Hafte
Eine Erklärung bietet der Mangel an klaren Richtlinien im Wirtschaftsalltag, was als richtig und als falsch zu verstehen ist. Am Verhalten eines Managers kann oft etwas "Felix-Krull-Haftes" beobachtet werden: Es gelingt ihm durch gleichermaßen geschicktes wie auch gefälliges Rollenspiel immer wieder, die eigenen Interessen durchzusetzen, ohne dass sich die Geschädigten tatsächlich als geschädigt sehen.
Individuelle Wertmaßstäbe
Jeder Mensch hat seine eigenen Wertmaßstäbe. Diese sind heute so vielfältig wie nie zuvor. Bis ins letzte Jahrhundert hinein waren wir stark durch die christlichen Werte geprägt und alle zogen an einem Strang: Eltern, Lehrer, Geistliche, andere Autoritäten. Heute ist der Common Sense deutlich heterogener. Welche Wertmaßstäbe sich nun in einem Menschen herausbilden, hängt auch stark davon ab, was ihm gefällt und was ihm nützt.
Riskante Produktivitätskatalysatoren
Jeder Manager findet es erstrebenswert, mehr zu haben. Dafür kämpft er, und nötigenfalls verdrängt er die Zweifel, ob dieser Kampf mit akzeptablen Mitteln geführt wird. Viele Anreizsysteme sind darauf aufgebaut, den Managern diese Skrupel systematisch abzukaufen. Aus eigener Kraft gelingt es kaum einem, sich aus dieser Maschinerie zu befreien. Jedoch liegen die Schäden, die sich aus einer nicht oder nur wenig werteorientierten Handlungsweise ergeben, klar auf der Hand: Unzufriedenheit, hoher Krankenstand, Fluktuation, von Mängeln behaftete Lieferantenbeziehungen und von der Qualität enttäuschte Kunden.
Ethik und Business sehr wohl vereinbar
Fehlende ethische Bildung, Überforderung, Gier und krampfhaftes Festhalten am Status sind häufig die Ursachen, warum Ethik und Business nicht in Einklang gebracht werden können. Besonders hier ist der Aufbau einer werteorientierten Führungskultur ein aufwändiger und langwieriger Prozess, setzt er doch teilweise die Umkehr eines in den letzten Jahrzehnten beschrittenen Weges voraus. In gar keinem Fall aber sollte man sich durch die Schwierigkeit der Situation entmutigen lassen. Denn das Prinzip "Die Welt schuldet mir etwas - nehmen erlaubt" richtet nicht nur unmittelbaren Schaden an, sondern färbt auch auf das Umfeld des Managers, seine Mitarbeiter ab und ist Gift für das System.
Dieser Artikel ist Teil des Vortrags, den Holger Danowsky zusammen mit Dr. Nina Schuppener am 29. März 2011 unter dem Titel "Leadership statt Management" in Köln gehalten hat.