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„Ein Mann ist stark, wenn er sich seine Schwäche eingesteht“ schrieb der französische Schriftsteller Honoré de Balzac im 19. Jahrhundert. Dass dieses Bewusstsein noch lange nicht in den Köpfen von Top-Managern angelangt ist, zeigt der Coaching-Alltag.
So komplex die Vorgänge in einer Krise sind, so einfach und transparent ist das Vokabular dazu: Hebel, Schnitt und Schirm sollen Übersichtlichkeit schaffen.
Es schreibt für Sie: Julia Kreuteler
EZB, EWF und EFSF sind längst zu Gemeinplätzen des geschäftlichen Smalltalks geworden. Gepriesen sei, wer sie unfallfrei auch im Privaten gebrauchen kann. Ohne Zweifel hat sich unsere Sprache mit der Wirtschaftskrise verändert. Zahlreiche neue Ausdrücke bereichern mittlerweile unseren Wortschatz, und wir dürfen gespannt sein, welchen davon in der nächsten Auflage des Dudens ein frisch etablierter Platz zugesprochen wird.
Lebende Sprache wandelt sich. In dieser Feststellung allein liegt noch keine Besonderheit. Auf nachhaltige Veränderungen in Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft hat unser Deutsch noch immer reagiert, sich weiterentwickelt - und das nah oder fremd, schnell oder sukzessive. In jedem Fall folgt es ungemein loyal einem Ziel: der Verständigung dienen zu wollen. Die augenblickliche Finanzkrise bleibt dennoch ein Sonderfall. Denn obwohl sich unsere Sprache zwangsläufig verschiedener Fachbegriffe bemächtigt, folgt sie im Wesentlichen herkömmlichen Ausdrücken aus dem deutschen Grundwortschatz. Trotz der Ausnahmesituation ist unser Sprachgebrauch gutbürgerlich geblieben. So hantieren wir mit Wörtern wie Finanzhebel, Schuldenkrise oder Staatsanleihe. Leerverkäufe gehen uns ebenso leicht über die Lippen wie Rettungspakete. Kein Anglizismus weit und breit! Vielmehr gewinnen wir den Eindruck, als begegne uns hier etwas sehr Vertrautes.
Jedoch ist unser Reden in vertrauten Worten deshalb noch lange nicht zu einem Sprechen über vertraute Dinge geworden. Zwar finden sich Hebel, Schirm und Schnitt auch schon in der gerade mal 570 Seiten umfassenden Duden-Auflage von 1926. Doch welche Abläufe dahinterstecken, bleibt weitgehend unverständlich. Das Ausmaß der europaweiten Trans- und Rettungsaktionen hat inzwischen eine Größenordnung erreicht, die für unsere Phantasie schlichtweg nicht mehr ausreicht. Es zeige an dieser Stelle bitte auf, wer sich zwei Billionen Euro tatsächlich in Gänze vorstellen kann.
Trotzdem bilden wir uns alle eine Meinung über diese oder jene Entscheidung im globalen Wirtschaftskontext. Zugleich ahnen wir, wie brüchig sie ist. Die Sprache der Krise scheint mit ihren vielen klaren Wörtern in anmutiger Einfachheit nichts zu vertuschen - so transparent, so übersichtlich! Auch wenn sie in ihrer Bedeutung unangenehm sind, machen sie uns in ihrer Vertrautheit Mut. Sie geben uns die Möglichkeit, etwas benennen zu können, und wer das vermag, nimmt der Bedrohung ihren Schrecken.
Natürlich bildet sich dabei kaum einer von uns ein, die ganz großen Zusammenhänge auch im Detail überblicken zu können. Genau das aber hat uns die Moderne suggeriert: die Verlässlichkeit einer kalkulierbaren, berechenbaren Zukunft. Wie fehlerhaft, spekulativ, wenn nicht sogar riskant eine solche Aneignung beziehungsweise Vorwegnahme der Zukunft sein kann, zeigt uns immer wieder die Börse.
In dieser Phase einer umfassenden Verunsicherung kommt unserer Sprache somit auch eine therapeutische Funktion zu. Diese ist in ihrer Kraft nicht zu unterschätzen. Denn wer Kommunikation - aus Überzeugung - noch wortwörtlich begreift, also im Sinne von Teilhabe und Gemeinschaft, erkennt in unserer Sprache zur Krise ein wichtiges Bindeglied zwischen Gesellschaft und Wirtschaft, zwischen konkretem Lebensvollzug und abstrakter Weltrisikogesellschaft.
Im Namen aller Wortverwandten von SCHUPPENER KOMMUNIKATION - Consulting & Coaching wünschen wir Ihnen schöne Weihnachten und einen guten Start in ein gesundes und glückliches neues Jahr 2012!